Schleifenpony

Was bitte ist eine Kardätsche oder die natürliche Angst vorm Unbekannten

Schräg eingeschaut zu werden, wenn man in der Öffentlichkeit von einer Kardätsche spricht, ist ja für uns Reiter ja sicherlich nichts Ungewöhnliches. Dürfte ja auch passieren bei Schabracke, Streichkappen oder Gebiss. Gamaschen hingegen sorgen jedoch kaum für Verwirrung, da können sich offenbar einige dann doch etwas darunter vorstellen. Von daher erscheint es auch nicht weit her geholt, dass der kleine Kurgestütler beim Anblick der Kardätsche nicht nur schräg geschaut hat, sondern auch gleich das Weite gesucht hat.

Jungpferd

Eigentlich hatte ich das Teil nur in der Hand, ganz beiläufig. Aber Obi ist ja schließlich äußerst aufmerksam, hat das gleich entdeckt und erst einmal entschieden, dass das besser von Weitem begutachtet werden sollte. Nicht dass man sich da am Ende noch mit Teufelszeug einlässt. Obwohl er ja meiner Meinung nach noch nichts Schlechtes erfahren hatte, war die Skepsis doch sehr groß. Ich konnte mich ihm nicht mehr nähern, er hielt den Abstand zu mir – oder besser gesagt zu der unheimlichen Bürste – konsequent ein.

Jährling

Ich erinnerte mich an alles, was mich der Kurgestütler bisher gelehrt hatte und mein Plan stand schnell fest. Ich würde einfach die Neugier des Pferdekindes nutzen. Zur Not mit Hilfe der anderen Pferdekinder. Das funktioniert einfach immer – und nachhaltig! Wenn sich das Pferd für dich entscheidet und zwar aus freien Stücken, wird es das wieder tun. So dauerte es nicht lange, bis ich die Aufmerksamkeit der Bande hatte und ihnen in Ruhe erzählen konnte, dass eine Kardätsche ihnen nichts Böses wollte.

Kardätsche

Damals beendete ich mein „Training“ bereits nach einem klitze-kleinen Erfolg. Dass sie sich mir näherten – also vor allem der Kurgestütler – obwohl ich das Schreckensding bei mir hatte, war für mich ein Erfolg. Und ich packte das Teil weg und entließ die Truppe wieder sozusagen in die Freiheit. Obwohl ich mir ja sicher bin, dass ich durch meine Besuche sicherlich nicht das Gegenteil von Freiheit vermittelte. So lernte Obi Schritt für Schritt ohne Angst mit der Zeit alles Wichtige kennen. Und betrachtet es heute als absolute Selbstverständlichkeit.

Fohlenkoppel

Der Hungerhaken und das Zisch-Geräusch

Das Zisch-Geräusch ist einigen auch bekannt als der unliebsame Schreckmoment, der durch Versprühen von zahlreichen Sprays, wahlweise Fellglanz- oder Fliegenspray, hervorgerufen wird. Ein Hungerhaken ist in diesem Fall ein kleines Pferdekind, bei dem man jede Rippe einzeln zählen kann. So fand ich dann mein kleines Pferdekind ca. 6 Wochen nach seiner Ankunft auf der Pferdeweide etwas – na ja, sagen wir mal – unschön vor.

Hungerhaken

Ein dicker Bauch, aber sichtbare Rippen lassen im Pferdekenner ja zuerst einmal den Verdacht auf Wurmbefall keimen. Sicherlich auch nicht unüblich, wenn man sich nochmals vor dem inneren Auge verdeutlicht, dass der Kurgestütler ja völlig ungeimpft und unentwurmt und unerzogen seinen Umzug angetreten hat. Selbst wenn dies nicht der Fall gewesen wäre (was sich jetzt im Nachhinein nach 8 Jahren nur noch schwer beweisen lässt), sagt man natürlich nach wie vor, dass es für Jungpferde selbstverständlich keinesfalls von Vorteil ist, zu fett gefüttert zu werden. Schließlich belastet das den Bewegungsapparat, das noch nicht gereifte Skelett. Mein Pony hatte außerdem auch alle Zeit der Welt zum Wachsen. Er sollte gar nicht aufgefüttert werden, um muskulös und damit „fertig“ zu erscheinen. Mein Ziel war es einfach nur, dass er zufrieden und gesund aufwachsen kann. Deshalb gibt es hier sicherlich noch das ein oder andere Bild vom Hungerhaken Obi zu entdecken.

Jaehrling

Was natürlich nicht nur für den Hungerhaken, sondern auch für seine Weidegenossen ziemlich lästig war in dieser Zeit, waren die Fliegen. Überraschenderweise sind die sogar sehr gut auf den Fotos zu erkennen. Die Kleinen waren seinerzeit schon ziemlich geplagt. Also stand mein Entschluss fest, probeweise ein Fliegenspray in die Kinderstube mitzubringen. Da ich mich ja jetzt selbst nicht als Dummerchen bezeichnen möchte, gebe ich an dieser Stelle bekannt, dass ich mir zu keiner Sekunde – auch damals in meinem jugendlichen Leichtsinn nicht – erhoffte, dass das Fliegenspray auch nur irgendetwas gegen die Fliegenbelastung bringen würde. Es ging mir einfach ums Prinzip. Ich wollte, dass das Pferdekind was lernt, ohne zu wissen, dass es gerade was lernt. Im Nachhinein kann ich bestätigen, dass das teilweise eine sehr gute Methode war, meinem Pferdekind die Angst vor unbekannten Dingen zu nehmen und zwar ganz ohne Druck und Zwang. Und so hatte ich auch mit dem Fliegenspray ein nachhaltiges Ergebnis erzielt: Es stört den Kurgestütler bis heute nicht, wenn das Fliegen- oder Fellglanzspray oder sonst irgendein Spray zischt.

Fliegenspray

Interessant war natürlich, dass wir das Fliegenspray zuerst nicht auf die Pferde sprühten. Nein – wir sprühten es einfach in der Gegend herum und amüsierten uns prächtig! Was man damit erreicht? Die Neugier der Pferdekinder war geweckt. Sie beobachteten uns sehr genau. Als ich ihnen dann das Fläschchen von Nahem zeigte, waren alle völlig unbeeindruckt. So war es dann auch kein Wunder mehr, als sich ebenfalls keiner regte, als ich sie direkt damit ansprühte. Es gab für sie einfach keinen Grund für Angst oder gar Panik.

Fliegenplage

So hatte ich an diesem Tag nach meinem Besuch das Gefühl, dass ich wirklich ein ganz cooles Pferdekind hatte. Es hatte ja noch keiner irgendetwas mit ihm gemacht. Meine ersten Besuche bestanden einzig und allein in der Kontaktaufnahme. Dass er nach so kurzer Zeit bereits zutraulich wurde und sich neuen Dingen mit Neugier zuwandte, machte mich unglaublich stolz. Die Frage ist nur, ob dies auch in Zukunft (in diesem Fall in der Vergangenheit) so geblieben ist. Ich werde berichten.

Jungpferde

Instagram Rückblick – Januar 2018

Demnächst können wir sagen, dass der Februar bald ein Ende hat. Dabei war doch erst Januar und sozusagen vor kurzem erst Silvester. Seit wann rennt eigentlich die Zeit so? Keiner hat mir gesagt, dass dieses Gefühl der „vorbei sausenden Zeit“ ab einem gewissen Alter anfängt. Ich habe mir zwar keine Vorsätze für das „neue“ Jahr gesetzt, dennoch möchte ich meine Zeit intensiver und bewusster erleben, auf deutsch: genießen. Ein Rezept zum Glücklich-Sein besagt, man solle immer nach vorne schauen und sich nicht über die Vergangenheit grämen. Aber was, wenn man gerne nochmal zurückschaut? Vielleicht um sich zu reflektieren oder auch um sich bewusst zu machen, was für eine tolle Zeit man hatte. Deswegen verlasse ich den Pfad der Vorausschauenden und lasse den Januar Revue passieren.

Instagram

Das sind die 9 beliebtesten Bilder im Januar auf Instagram. Und wer gerne mehr sehen möchte, der schaut direkt auf Instagram mein.schleifenpony nach.

Pizarette Silvester

Silvester war bei uns mit Schlemmen verbunden, vor 12 haben wir uns dann auf den Weg in den Stall gemacht. Als Pferdehalter lässt man seine Pferde natürlich in solch einer Situation nicht alleine. Außerdem: Was gibt’s denn Schöneres, als mit ihnen ins neue Jahr zu starten? Seit 7 Jahren halte ich meine Pferde (Obi und Rocky) schon in Eigenregie und wir haben immer mal wieder ausprobiert, was man an Silvester machen könnte. Am ruhigsten bleiben sie, wenn alles so wie immer ist: kein Einsperren, kein Stall-abdunkeln, kein großes Aufsehen. Wenn sie sich wie immer im Offenstall frei bewegen können, passiert gar nichts. Ein bisschen Aufregung ist schon dabei, aber immer ungefährlich.

BurghofBurg

Nach Silvester sind wir los in Richtung Marburg und haben ein paar Tage ohne die Pferde verbracht. Selbstverständlich waren die daheim dennoch bestens versorgt. Das „Raus dem Alltag“ hat uns jedenfalls gut getan. Die Gegend erkunden, durch Altstadt-Gassen schlendern und in einer Burg übernachten – abschalten.

BurghotelGasseMarburgMarburg

Reiterlich war im Januar nicht viel los. Die Ausritte, die wir unternommen haben, kann man an einer Hand abzählen (oder vielleicht auch an zwei Händen). Das dürfte auch erklären, wie Obi im Winter einen Heubach haben kann. Kennt man ja sonst eigentlich nur als Weidebauch im Sommer. Und der kleine Rocky, der langsam aber sicher zum Senior wird, ist frech wie eh und je.

PaddockStallgasseStallgassekoppel

Ein paar Sonnenstunden gab es natürlich, an denen die Pferde ein bisschen die Weide zertrampeln durften. Aber wir haben schon Vorbereitungen getroffen, wie wir die Wiesen im Frühjahr pflegen werden. An Arbeit mangelt es uns weiterhin nicht. Aber genau diese Arbeit macht glücklich. Und deswegen schaue ich auch gerne zurück auf das, was wir erreicht haben.

Koppelpflege

Du & Ich und wie unsere Liebesgeschichte begann

Hier beginnt sie – eine Liebesgeschichte in mehreren Akten! Ich erinnere mich daran als sei es gestern gewesen. Knapp eine Woche nach meinem etwas ernüchternden ersten Besuch beim Kurgestütler auf der Fohlenkoppel fuhr ich natürlich völlig ohne Erwartung ein zweites Mal hin. In meinem Kopf wirbelten die Gedanken umher. Wie sollte das denn jemals was werden? Hast du dich nicht völlig übernommen mit einem Jungpferd? Oder vielleicht generell mit einem eigenen Pferd allgemein? Immer wenn es in mir drin schwierig wurde, zeigte mir Obi – und das tut er übrigens heute auch noch! – dass es sich lohnt, weiter zu machen. Er schenkte mir einen Augenblick.

Liebesgeschichte

Wie durch ein Wunder schien die erste Scheu verflogen. Nicht ich näherte mich ihm – sondern er näherte sich mir. Er schaute mich mit seinen großen Augen an. Sie strahlten für mich so viel Wärme aus. Schließlich nahm er mit mir Kontakt auf und der Abstand zwischen uns wurde immer geringer. Vom anfänglichen Schnuppern wurde ich offenbar für gut befunden und er näherte sich mir immer mehr. Ich war in diesem Moment so glücklich wie ein Käsekönig!

Augenblick

Was auch immer gesagt wird. Mit einem jungen Pferd kann man wirklich so viel erreichen. Vor allem, wenn man weiß, dass er in seinem Leben noch nichts Schlechtes erfahren hat. Natürlich wurde mit den Jungpferden noch nichts gemacht. Natürlich war keiner geimpft oder entwurmt oder halfterführig. Und meiner war eigentlich auch nicht zutraulich. Und natürlich ist das alles ein Risiko. Aber ich erreichte bei ihm von Anfang an mit Geduld und Ruhe und durch das Wecken seiner Neugier so viel mehr als mit Zwang jemals zu erreichen gewesen wäre. Und zwar nachhaltig. Sicherlich kann man ein Pferd mit Zwang dazu bringen, das von ihm Verlangte auszuführen. Aber vielleicht zieht man sich so ein unsicheres Pferd heran. Dadurch wird das Verlangte aufgrund des erlebten Zwanges jedes Mal erneut zum Problem.

Kennenlernen

So erzog vielleicht nicht ich den Kursgetültler, sondern er mich. Er bewegt mich bis heute ständig zum Umdenken. Und dafür bin ich dankbar.

Der erste Besuch auf der eventuell nicht ganz so optimalen Fohlenkoppel

Kurgestuetler

Nach einer Woche, einer endlos lang erscheinenden, zermürbenden Woche daheim stand also der erste Besuch beim Kurgestütler an – und der Kurgestütler war mein erstes eigenes Pferd! Wie unwirklich sich das doch anfühlte, als wäre ich immer noch in irgendeinem Wunschtraum gefangen und würde einfach nicht mehr richtig wach werden. Warum ich ihn erst nach einer ganzen Woche besuchte? Und warum ich überhaupt von einem „Besuch“ spreche, wenn es doch mein eigenes Pferd ist?

Kuri

Nun ja, des Rätsels Lösung lässt sich doch relativ simpel erläutern: Zum Einen hatte ich mich ja für einen Jährling entschieden. Einen Jährling sperrt man nicht irgendwo in eine Box und wartet ab, bis er zugeritten werden kann. Nein! Und zum Anderen trainiert man mit einem so jungen Pferd auch noch nicht gleich beim ersten Mal, sodass es sich wirklich nur um einen Besuch bei ihm handelte. Feststand ja vor dem Kauf, dass der Kleine auf eine Fohlenkoppel kommt, eine Aufzuchtherde, einen Jährlingsstall (aber keinesfalls einen Stall im wahrsten Sinne des Wortes!) oder etwas Ähnliches. Zudem sollte klar sein, dass der junge Mann – wie sagt man so schön – weiterhin so „robust“ aufwachsen soll wie bisher, also am besten hauptsächlich im Freien und natürlich mit mehreren Gleichaltrigen.

Fohlenkoppel

Generell hört man verschiedene Spekulationen von Pferdeprofis, was für ein Jungpferd das Beste sei. Und zwar muss es Gleichaltrige geben, natürlich zum Spielen, Kräftemessen und Austoben. Und es muss einen älteren Wallach geben, weil der einfach aufgrund seiner fehlenden Prachtstücke nicht mehr so die Dominanz an den Tag legt, aber dennoch die jungen Kerle zur Vernunft ruft, wann immer es angebracht ist. Zudem sei es unabdingbar, dass die Aufzucht in ihren Ausläufen unterschiedliche Bodenbeschaffenheiten aufweisen kann, zum Beispiel einmal Sand, dann Waldboden, dann wiederum Steine, immer gut auch gepflasterte Bereiche, damit sich die Hufe und die Gelenke der Jungspunde entsprechend perfekt entwickeln können. Aber wer will schon Perfektion – zumal: Man kann ja nicht immer alles haben! Ich weiß nicht, ob ich einen solchen Aufzuchtplatz gefunden hätte, wenn ich länger und intensiver gesucht hätte. Er wäre sicherlich auch weiter weg gewesen, denn in meiner unmittelbaren Nähe war so etwas nicht zu finden. Um genau zu sein, war gar nichts dem auch nur annähernd Ähnliches in meiner Umgebung zu finden gewesen. Also hat sich das Ganze letztendlich so dargestellt: Es war weit weg. Es gab einen etwa gleichaltrigen Junghengst. Es gab einen „älteren“ Hengst. Und sie wurden robust gehalten. Es war also nicht nur so, dass sie im Sommer keinen Unterstand hatten (außer Bäumen, was ja teilweise durchaus auch als Unterstand durchgeht, aber leider nicht wirklich vor Fliegen und ähnlichen Belästigungen schützt). Der Unterstand im Winter war eigentlich auch nicht zu gebrauchen (dieser Bericht folgt dann irgendwann) und auch die Einzäunung war äußerst robust. Ich war allerdings hinterher mit dem Wissen gesegnet, dass mein Kurgestütler ziemlich zaunsicher war und ich mir keine Sorgen machen musste, dass der aus den von mir gebauten Zäunen jemals ausbrechen würde (auch zu dieser Geschichte kommen wir eines Tages hier auf diesem Blog noch). Ich ließ mich also vom kreativen Zaunbau vor Ort nicht weiter beirren und betrat die Junghengst-Koppel.

Jungpferdeaufzucht

Obwohl mir ja von Anfang bewusst war, dass ich mir mit Obi ein kleines Wildpferd zugelegt hatte, war ich doch etwas enttäuscht, dass er sich dann so gar nicht für mich interessierte. Ich hatte wohl in meinen Wendy-Wunschträumen einfach nicht daran gedacht, dass er sich überhaupt nicht nähern würde und ich mich auch nicht ihm nähern konnte, nachdem beim Abholen alles so erstaunlich gut geklappt hatte. Aber so wurde ich dann wenigstens auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Fotos konnten wir aber aus sicherer Entfernung von ihm machen.

Wie man ein Wildpferd von A nach B bringt

Kurgestüt Hoher Odenwald

Es war also alles klar. Der Traum sollte in Erfüllung gehen! Ich würde meinen Jährling abholen. Jährling hieß in diesem Fall ein 1-jähriger Kurgestütler, seines Zeichens Holsteiner-Haflinger-Mix. Hengst. Beim Gedanken an diese Anpaarung sehe ich schon einige mit den Augen rollen – aber ihr werdet überrascht sein, zu was es dieses kleine Kerlchen bisher gebracht hat! Nachdem ich also eine bescheidene Anzahlung für den Kleinen überwiesen hatte, durfte er noch zwei Wochen wie gewohnt in seiner Heimat bei seinen Kumpels bleiben. Nichts ahnend, was ihm am 01.08.2010 bevorstehen würde. Diese zwei-wöchige Aufbewahrungsfrist war für uns kostenfrei. Und so passte es wunderbar, dass das Jungpferd zum 1. des Monats umzog. Sicherlich kann man sich vorstellen wie aufgeregt man an so einem Tag ist, wenn man gar nicht genau weiß, was auf einen zukommt und man stellt sich natürlich ununterbrochen die Frage, ob alles gut gehen würde. Schließlich war der kleine Kurgestütler ja mehr oder weniger wild aufgewachsen. Erinnerte mich irgendwie an den wilden Westen und die Mustang-Herden. Und so kann man sich das auch in der Tat vorstellen. Als wir ankamen, wurde mein Babypferd von seiner Hengstherde getrennt und mit Hilfe eines erwachsenen Pferdes in den Stall gebracht. In meinen Augen ein ziemlich einschneidender Moment für so ein kleines Wildpferd – ihn selbst schien es aber wenig zu beeindrucken. Als er merkte, dass er den Kontakt zur Herde verlor, folgte er automatisch dem erwachsenen Pferd. Ebenfalls einfach sah es auch von Weitem aus, als er ein Halfter angezogen bekam. Anzumerken ist auf jeden Fall auch, dass die Verkäufer sehr genau wussten, was sie tun und man selbst zwar mit gutem Sicherheitsabstand wie gebannt zuschaute (vermutlich mit offener Kinnlade), aber Gefahr bestand meines Erachtens zu keiner Zeit.

Pferdebox

Erstaunlicherweise machte sich der kleine Obi in seiner Box direkt über das Heu her, schaute sich nicht um und wieherte auch nicht. Anschließend wurden wir instruiert: Zum Verladen musste der Hänger direkt an die Stalltür gefahren werden. Unser Hänger wurde dann zuallererst transportgerecht… umgebaut. Will heißen, Stangen wurden entfernt und die Trennwand ausgehängt und seitlich direkt an die Seitenwand des Hängers befestigt. Wäre man also entsprechend darauf vorbereitet gewesen, hätte man das Zeug am besten daheim ausgebaut und auch daheim gelassen. Sodann wurde der Hänger mit reichlich Stroh eingestreut. Heu und Hafer wurden als Wegzehrung im Hänger platziert.

Pferdebox

Dann wurde es erneut spannend. Obis Boxentür wurde geöffnet. Er hatte zum ersten Mal im Leben ein Halfter an und es schien ihn keineswegs zu kümmern. Neugierig marschierte der Ponymann auf die Stallgasse. Sein Weg wurde seitlich durch Panels begrenzt und als hätte er das schon 100 Mal gemacht, im Schlaf mit geschlossenen Augen, betrat er den Hänger und machte sich sofort wieder über das Heu her. Dass die Klappe dann geschlossen wurde, quittierte er mit einem Ohrenwackeln. Selbstverständlich waren wir skeptisch, ob wir so ein Pferd transportieren können. Die Verkäufer machten uns jedoch Mut und so traten wir die Reise an.

Jungpferde transportieren

Heute würde ich sagen, dass es eventuell sicherer wäre, man würde sich ein sogenanntes Fohlengitter für den Hänger besorgen. Denn ganz ausgeschlossen ist es ja nicht, dass so ein Pferd über die Rampe rausspringt. Und das womöglich noch bei voller Fahrt auf der Autobahn. Obi für seinen Teil ließ uns Zeugen seiner Coolness werden. Die ganze Fahrt über war von dem Burschen nichts zu hören und nichts zu merken. Es war sogar so ruhig, dass wir uns zwischenzeitlich nicht sicher waren, ob er vielleicht doch getürmt war, also hielten wir irgendwann und riskierten einen Blick. Zum Vorschein kam ein junger Kurgestütler, der entgegengesetzt der Fahrtrichtung schräg im Hänger stand und uns mit großen Augen, aber ganz ruhig, anschaute. Wir setzten die Fahrt fort und so langsam dämmerte es mir, dass nun der große Moment kann: Wo wir heute bisher den ganzen Tag als Zaungäste beobachten konnten, was geschah, waren wir nun selbst an der Reihe, etwas zu tun. Ich war wirklich erschrocken, als wir feststellten, dass es keine Möglichkeit gab, „in“ die Fohlenkoppel zu fahren, sodass man Obi hätte gefahrlos und geduldig ausladen können. Wir mussten ihn ausladen und über eine Landstraße führen, um ihn in seine Koppel zu bringen. Und auch wenn sich Landstraße jetzt irgendwie nach popelig kleinem Kuhdorf anhört – da sind echt Autos gefahren! Und ich war mir nicht mal sicher, ob mein Babypferd so vertraut mit Autos war. Allerdings war ich guter Dinge, da ja offensichtlich die Fahrt nur eine Kleinigkeit für ihn war. Ich stieg dann also durch die Seitentür des Hängers ein und versuchte, so ruhig wie möglich zu bleiben. Leicht war das nicht, schließlich schossen mir tausend Gedanken durch den Kopf, was jetzt alles passieren könnte, wenn ich das Baby auch nur berühren wollte. Es war für mich eine Überraschung, dass er sich von mir ohne mit der Wimper zu zucken streichen ließ und ich den Strick an seinem Halfter befestigen konnte. Als sich dann die Verladerampe öffnete, war jedoch nicht mehr viel los. Wie angewurzelt blieb der Kurgestütler stehen. Wie kriegt man den jetzt da raus? Nach mehreren gescheiterten Versuchen, unsere verschiedenen Geistesblitze umzusetzen, stellte sich der Sachverhalt so dar, dass ich vorne am Halfter zog und mein Begleiter hinten am Ponypopo schob. Da alle schweißgebadet waren vor Aufregung (außer der Kurgestütler!) gibt es von diesem Moment leider kein Bild, was mich im Nachhinein sehr traurig macht. Obi traf dann sofort und ohne Umwege auf seine zwei neuen Kumpels, zwei junge Hengste, Marke Isländer. Das war die ruhigste Zusammenführung, die ich je erlebt habe. Selbstbewusst lief Obi auf die Beiden zu, sie beschnupperten sich, ein bisschen Gequieke und Gequietsche und nach ca. 5 Minuten standen alle 3 nebeneinander und grasten friedlich. Ob das wohl mit Obis guter Kinderstube vom Kurgestüt zusammenhängt!?

Islandpferde

Bauchgefühl

kurgestuet

Schon früh war für mich klar – eines Tages wirst du ein eigenes Pferd haben! Zugegeben – hört sich kitschig an und mit Sicherheit beginnen einige Geschichten, wenn nicht sogar die allermeisten zum Thema „Abenteuer Pferd“, mehr oder weniger so. Aber mitunter sind das auch die besten Geschichten. Man kann dort viel erfahren über die Ziele einer Person, die möglicherweise zu hoch gesteckt wurden, ja sogar über die Persönlichkeit selbst und natürlich jedes Mal wieder über ein Abenteuer, das entweder funktioniert hat oder bei dem man kläglich gescheitert ist.

stutenmilchfarm
Hier erzähle ich euch die Geschichte von Obi Wan Kenobi und mir. Kennengelernt haben wir uns am 15.07.2010 auf einer Stutenmilchfarm. Nun wird man sich natürlich fragen, wieso man sich auf einer solchen Farm ein Pferd kauft. Selbstverständlich sollte sich jeder vor einem Pferdekauf überlegen, was er eigentlich will. Der Grund, weshalb ich dort ein Pferd gekauft habe, war das Pferd selbst! Ich hatte ihn gesehen und wusste, er war es.

hoher-odenwald

(Die Gründe, wieso ich zur Stutenmilchfarm gegangen bin:
↑ Persönliche Empfehlung
↑ Die Anpaarungen sollen anständige Freizeitpferde hervorbringen
↑ Die Pferde leben ganzjährig im Herdenverband.
↑ Die Fohlen werden in der Herde geboren und wachsen zusammen mit ihren Artgenossen auf.
↑ Boxenhaltung ist hier ein Fremdwort.
↑ Der Preis war „günstig“.

kurgestuetler

Worüber man sich im Klaren sein muss:
↓ Die Fohlen sind absolut roh.
↑ Sie haben daher in der Regel noch keine schlechten Erfahrungen gemacht.
↓ Ein junges Pferd an seine Aufgabe als braves Reitpferd heranzuführen, ist eine Herkulesaufgabe.
↓ Man kann einige Jahre nicht reiten bzw. man muss sich im Klaren darüber sein, dass man sich ein Baby gekauft hat, mit dem man nicht jeden Tag stundenlang trainieren kann.
↓ Man sollte ihm eine weiterhin artgerechte Aufzucht ermöglichen können.
↓ Bis man tatsächlich etwas von seinem Pferd hat, hat sich der „günstige“ Preis auch wieder relativiert.
↓ Man sollte sich mit der Anatomie auskennen, um Exterieurmängel etc. entsprechend zu bemerken.)

Obi Wan Kenobi

Die Pferde leben dort ganzjährig im Herdenverband, die Fohlen kommen auch in der Herde zur Welt. So schön artgerecht für das Lauf- und Herdentier Pferd. Boxenhaltung ist hier ein Fremdwort. Der ausschlaggebende Grund für einen Besuch auf der Stutenmilchfarm war die Empfehlung von Freunden.
Natürlich haben wir versucht, bei der Auswahl ausschließlich professionell vorzugehen. Ich hatte zwei erfahrene Pferdeleute bei mir und die Verkäuferin selbst erzählte uns zu den interessanten Pferden Näheres. Und so wurde aus dem „Wir schauen da einfach mal unverbindlich vorbei“ und dem anschließenden „Ich schlaf auf jeden Fall noch ’ne Nacht drüber!“ ein Kaufvertrag. Zu diesem Zeitpunkt war ich mir allerdings nicht ganz im Klaren, was da so alles auf mich zukommen würde.

Jungpferd