Schleifenpony

Der Halfter-Modus

Man erkennt relativ schnell, dass es unfassbar wichtig ist, dass ein Jungpferd sein Halfter anziehen muss.

kein Hungerhaken mehr

Ja, Putzen geht ohne Halfter – das wisst ihr ja jetzt aus den vorherigen Blogposts. Aber wie soll man den kleinen Kerl denn impfen oder eine Wurmkur verabreichen geschweige denn die Hufmaniküre erledigen… ohne ihn am Halfter in die Richtung dirigieren zu können, in die man möchte. Oder ihn am Halfter in der Position zu behalten, die man sich ausgedacht hat. Der aufmerksame Leser erkennt: Hier sind 3 neue unabdingbare, furchtbar bedeutende Übungen versteckt! Nämlich:

1.) das Halfter anziehen
2.) das Pony am Halfter führen
3.) das Pony könnte am Halfter stillstehen

Stuten mit Fohlen
Wer äußerst aufmerksam gelesen hat, weiß, dass unser kleiner Kurgestütler ein Wildpferd war. Mit der Hau-Ruck-Methode (nennen wir das Kind einfach mal beim Namen!) hat er das Halfter kennen gelernt und als wir endlich mit Hilfe von zahlreichen Stoßgebeten zum Himmel das junge Kerlchen auf seiner Fohlenweide hatten, haben wir ihm das Halfter sofort wieder abgenommen. Schließlich braucht der ja seine Freiheit ums Köpfchen rum. Ganz zu schweigen von den ganzen Gefahrenquelle auf der absolut sicheren Fohlenaufzuchtsweide, an denen er sich mit einem Halfter um die Birne hätte verletzen können.

Schweinsgalopp

Hier mangelt es also noch sehr an den Ausführungen des sogenannten Fohlen-ABC (damit sind so Dinge gemeint, die kleine Jungspunde eigentlich können sollten). Das wurde mir bewusst, als die Leiterin der hiesigen Ponde Rosa Ranch mir mitteilte, dass der Kurgestütler doch geimpft werden solle und sie nicht wisse, wie man den dazu bewegen könne, das Halfter wieder zu tragen. Und da ich interessanterweise davon ausging, dass ich das schon hinkriegen würde, machte ich mir keinerlei Sorgen. Wäre aber besser gewesen!

Ich trag mein Halfter nicht!

„Nein…ich zieh das Ding nicht wieder an!“

Mission Kardätsche – Klappe, die Zeite: Wenn die Neugier siegt

Eine Woche später besuchte ich also den Kurgestütler mit der Mission Kardätsche erneut. Warum ich mich erst eine Woche später wieder mit meinem Jungpferd beschäftigte, kannst du >>>hier<<< nachlesen. Die Mission hatte übrigens rein gar nichts damit zu tun, dass ich auf die Idee gekommen wäre, meinen – wie sagt man so schön – robust gehaltenen Jährling ab jetzt regelmäßig putzen und schrubben zu wollen! Das wäre ja völlig unsinnig, da ich ihm ja dann seine natürliche Schutzschicht im Fell, die ihn vor Wind und Wetter schützt, zerstören würde. Es ging einzig und allein um die Gewöhnung.

Jaehrling

Wenn ich an die Fohlenkoppel kam, ging ich meist nicht direkt auf Obi zu. Ich beobachtete zuerst aus sicherer Entfernung, betrachtete das schöne Gesicht, die Blesse, in die ich mich am ersten Tag sofort verliebt hatte.

Blesse

Natürlich bildete ich mir ein, Obi Wan Kenobi sei gar nicht mehr so dürr, habe sich schon toll entwickelt innerhalb kürzester Zeit, sein Fell glänzte herrlich in der Sonne.

Hungerhaken

Es dauerte meistens auch nicht lange, bis die Jährlinge von alleine auf mich zukamen. Sie waren einfach zu neugierig, was ich denn wollte. Dass ich die Kardätsche wieder dabei hatte, schien zuerst einmal total nebensächlich. Die Neugier war beiden einfach ins Gesicht geschrieben!

Giraffe wegen Kardätsche

Wie du im letzten Bericht erfahren hast, habe ich nach einem winzig kleinen Erfolg direkt aufgehört, dem Jährling das fürchterliche Bürstending vor die Nase zu halten. Obwohl ich seinerzeit noch völlig unerfahren war im Umgang mit Jungpferden, stellte sich heraus, dass die Entscheidung sicher nicht meine schlechteste war. Angst oder Misstrauen lag nicht mehr in der Luft. Und so war es gar kein Problem, das Jungtier dann zu bürsten. Völlig frei – unangebunden – blieb er da und ließ es sich gefallen. Auch heute noch ist Obi das anständigste Pferd bei uns im Stall und bleibt beim Putzen absolut ruhig stehen. Man munkelt, ob dieses Verhalten von der behutsamen Gewöhnung kommt.

Pferd putzen

Was bitte ist eine Kardätsche oder die natürliche Angst vorm Unbekannten

Eine Kardätsche ist im Reiter-Fachchargon ein anderer Begriff für eine weiche, feine Bürste, mit der man sein Pferd – logischerweise – bürsten kann.

Jungpferde

Schräg eingeschaut zu werden, wenn man in der Öffentlichkeit von einer Kardätsche spricht, ist ja für uns Reiter ja sicherlich nichts Ungewöhnliches. Dürfte ja auch passieren bei Schabracke, Streichkappen oder Gebiss. Gamaschen hingegen sorgen jedoch kaum für Verwirrung, da können sich offenbar einige dann doch etwas darunter vorstellen. Von daher erscheint es auch nicht weit her geholt, dass der kleine Kurgestütler beim Anblick der Kardätsche nicht nur schräg geschaut hat, sondern auch gleich das Weite gesucht hat.

Jährling nimmt Reißaus

Eigentlich hatte ich das Teil nur in der Hand, ganz beiläufig. Aber Obi ist ja schließlich äußerst aufmerksam, hat das gleich entdeckt und erst einmal entschieden, dass das besser von Weitem begutachtet werden sollte. Nicht dass man sich da am Ende noch mit Teufelszeug einlässt. Obwohl er ja meiner Meinung nach noch nichts Schlechtes erfahren hatte, war die Skepsis doch sehr groß. Ich konnte mich ihm nicht mehr nähern, er hielt den Abstand zu mir – oder besser gesagt zu der unheimlichen Bürste – konsequent ein.

Jungpferd

Ich erinnerte mich an alles, was mich der Kurgestütler bisher gelehrt hatte und mein Plan stand schnell fest. Ich würde einfach die Neugier des Pferdekindes nutzen. Zur Not mit Hilfe der anderen Pferdekinder. Das funktioniert einfach immer – und nachhaltig! Wenn sich das Pferd für dich entscheidet und zwar aus freien Stücken, wird es das wieder tun. So dauerte es nicht lange, bis ich die Aufmerksamkeit der Bande hatte und ihnen in Ruhe erzählen konnte, dass eine Kardätsche ihnen nichts Böses wollte.

Kardätsche kennen lernen

Damals beendete ich mein „Training“ bereits nach einem klitze-kleinen Erfolg. Dass sie sich mir näherten – also vor allem der Kurgestütler – obwohl ich das Schreckensding bei mir hatte, war für mich ein Erfolg. Und ich packte das Teil weg und entließ die Truppe wieder sozusagen in die Freiheit. Obwohl ich mir ja sicher bin, dass ich durch meine Besuche sicherlich nicht das Gegenteil von Freiheit vermittelte. So lernte Obi Schritt für Schritt ohne Angst mit der Zeit alles Wichtige kennen. Und betrachtet es heute als absolute Selbstverständlichkeit.

Der Hungerhaken und das Zisch-Geräusch

Hungerhaken

Das Zisch-Geräusch ist einigen auch bekannt als der unliebsame Schreckmoment, der durch Versprühen von zahlreichen Sprays, wahlweise Fellglanz- oder Fliegenspray, hervorgerufen wird. Ein Hungerhaken ist in diesem Fall ein Pferd, bei dem man jede Rippe einzeln zählen kann. So fand ich dann mein kleines Pferdekind ca. 6 Wochen nach seiner Ankunft auf der Fohlenweide etwas – na ja, sagen wir mal – unschön vor.

Rippiger Jährling

Ein dicker Bauch, aber sichtbare Rippen lassen im Pferdekenner ja zuerst einmal den Verdacht auf Wurmbefall keimen. Sicherlich auch nicht unüblich, wenn man sich nochmals vor dem inneren Auge verdeutlicht, dass der Kurgestütler ja völlig ungeimpft und unentwurmt und unerzogen seinen Umzug angetreten hat. Selbst wenn dies nicht der Fall gewesen wäre (was sich jetzt im Nachhinein nach 6 Jahren nur noch schwer beweisen lässt), sagt man natürlich nach wie vor, dass es für Jungpferde selbstverständlich keinesfalls von Vorteil ist, zu fett gefüttert zu werden. Schließlich belastet das den Bewegungsapparat, das noch nicht gereifte Skelett. Mein Pony hatte außerdem auch alle Zeit der Welt zum Wachsen. Er sollte gar nicht aufgefüttert werden, um muskulös und damit „fertig“ zu erscheinen. Mein Ziel war es einfach nur, dass er zufrieden und gesund aufwachsen kann. Deshalb gibt es hier sicherlich noch das ein oder andere Bild vom Hungerhaken Obi zu entdecken.

Geplagte Pferde

Was natürlich nicht nur für den Hungerhaken, sondern auch für seine Weidegenossen ziemlich lästig war in dieser Zeit, waren die Fliegen. Überraschenderweise sind die sogar sehr gut auf den Fotos zu erkennen. Die Kleinen waren seinerzeit schon ziemlich geplagt. Also stand mein Entschluss fest, probeweise ein Fliegenspray in die Kinderstube mitzubringen. Da ich mich ja jetzt selbst nicht als Dummerchen bezeichnen möchte, gebe ich an dieser Stelle bekannt, dass ich mir zu keiner Sekunde – auch damals in meinem jugendlichen Leichtsinn nicht – erhoffte, dass das Fliegenspray auch nur irgendetwas gegen die Fliegenbelastung bringen würde. Es ging mir einfach ums Prinzip. Ich wollte, dass das Pferdekind was lernt, ohne zu wissen, dass es gerade was lernt. Im Nachhinein kann ich bestätigen, dass das teilweise eine sehr gute Methode war, meinem Pferdekind die Angst vor unbekannten Dingen zu nehmen und zwar ganz ohne Druck und Zwang. Und so hatte ich auch mit dem Fliegenspray ein nachhaltiges Ergebnis erzielt: Es stört den Kurgestütler bis heute nicht, wenn das Fliegen- oder Fellglanzspray oder sonst irgendein Spray zischt.

Pferd sucht Schutz

Interessant war natürlich, dass wir das Fliegenspray zuerst nicht auf die Pferde sprühten. Nein – wir sprühten es einfach in der Gegend herum und amüsierten uns prächtig! Was man damit erreicht? Die Neugier der Pferdekinder war geweckt. Sie beobachteten uns sehr genau. Als ich ihnen dann das Fläschchen von Nahem zeigte, waren alle völlig unbeeindruckt. So war es dann auch kein Wunder mehr, als sich ebenfalls keiner regte, als ich sie direkt damit ansprühte. Es gab für sie einfach keinen Grund für Angst oder gar Panik.

Fliegenspray

So hatte ich an diesem Tag nach meinem Besuch das Gefühl, dass ich wirklich ein ganz cooles Pferdekind hatte. Es hatte ja noch keiner irgendetwas mit ihm gemacht. Meine ersten Besuche bestanden einzig und allein in der Kontaktaufnahme. Dass er nach so kurzer Zeit bereits zutraulich wurde und sich neuen Dingen mit Neugier zuwandte,machte mich unglaublich stolz. Die Frage ist nur, ob dies auch in Zukunft (in diesem Fall in der Vergangenheit) so geblieben ist. Ich werde berichten.

Du & Ich und wie unsere Liebesgeschichte begann

Hier beginnt sie – eine Liebesgeschichte in mehreren Akten! Ich erinnere mich daran als sei es gestern gewesen. Knapp eine Woche nach meinem etwas ernüchternden ersten Besuch beim Kurgestütler auf der Fohlenkoppel fuhr ich natürlich völlig ohne Erwartung ein zweites Mal hin. In meinem Kopf wirbelten die Gedanken umher. Wie sollte das denn jemals was werden? Hast du dich nicht völlig übernommen mit einem Jungpferd? Oder vielleicht generell mit einem eigenen Pferd allgemein? Immer wenn es in mir drin schwierig wurde, zeigte mir Obi – und das tut er übrigens heute auch noch! – dass es sich lohnt, weiter zu machen. Er schenkte mir einen Augenblick.

Jungpferd-Kennenlernen

Wie durch ein Wunder schien die erste Scheu verflogen. Nicht ich näherte mich ihm – sondern er näherte sich mir. Er schaute mich mit seinen großen Augen an. Sie strahlten für mich so viel Wärme aus. Schließlich nahm er mit mir Kontakt auf und der Abstand zwischen uns wurde immer geringer. Vom anfänglichen Schnuppern wurde ich offenbar für gut befunden und er näherte sich mir immer mehr. Ich war in diesem Moment so glücklich wie ein Käsekönig!

Kuscheln

Was auch immer gesagt wird. Mit einem jungen Pferd kann man wirklich so viel erreichen. Vor allem, wenn man weiß, dass er in seinem Leben noch nichts Schlechtes erfahren hat. Natürlich wurde mit den Jungpferden noch nichts gemacht. Natürlich war keiner geimpft oder entwurmt oder halfterführig. Und meiner war eigentlich auch nicht zutraulich. Und natürlich ist das alles ein Risiko. Aber ich erreichte bei ihm von Anfang an mit Geduld und Ruhe und durch das Wecken seiner Neugier so viel mehr als mit Zwang jemals zu erreichen gewesen wäre. Und zwar nachhaltig. Sicherlich kann man ein Pferd mit Zwang dazu bringen, das von ihm Verlangte auszuführen. Aber vielleicht zieht man sich so ein unsicheres Pferd heran. Dadurch wird das Verlangte aufgrund des erlebten Zwanges jedes Mal erneut zum Problem.

Kennenlernen

So erzog vielleicht nicht ich den Kursgetültler, sondern er mich. Er bewegt mich bis heute ständig zum Umdenken. Und dafür bin ich dankbar. Unsere Liebesgeschichte begann.

Der erste Besuch auf der eventuell nicht ganz so optimalen Fohlenkoppel

Nach einer Woche, einer endlos lang erscheinenden, zermürbenden Woche daheim stand also der erste Besuch beim Kurgestütler an – und der Kurgestütler war mein erstes eigenes Pferd! Wie unwirklich sich das doch anfühlte, als wäre ich immer noch in irgendeinem Wunschtraum gefangen und würde einfach nicht mehr richtig wach werden.

Jungpferd

Warum ich ihn erst nach einer ganzen Woche besuchte? Und warum ich überhaupt von einem „Besuch“ spreche, wenn es doch mein eigenes Pferd ist? Nun ja, des Rätsels Lösung lässt sich doch relativ simpel erläutern: Zum Einen hatte ich mich ja für einen Jährling entschieden. Einen Jährling sperrt man nicht irgendwo in eine Box und wartet ab, bis er zugeritten werden kann. Nein! Und zum Anderen trainiert man mit einem so jungen Pferd auch noch nicht gleich beim ersten Mal, sodass es sich wirklich nur um einen Besuch bei ihm handelte. Feststand ja vor dem Kauf, dass der Kleine auf eine Fohlenkoppel kommt, eine Aufzuchtherde, einen Jährlingsstall (aber keinesfalls einen Stall im wahrsten Sinne des Wortes!) oder etwas Ähnliches. Zudem sollte klar sein, dass der junge Mann – wie sagt man so schön – weiterhin so „robust“ aufwachsen soll wie bisher, also am besten hauptsächlich im Freien und natürlich mit mehreren Gleichaltrigen.

Koppel

Generell hört man verschiedene Spekulationen von Pferdeprofis, was für ein Jungpferd das Beste sei. Und zwar muss es Gleichaltrige geben, natürlich zum Spielen, Kräftemessen und Austoben. Und es muss einen älteren Wallach geben, weil der einfach aufgrund seiner fehlenden Prachtstücke nicht mehr so die Dominanz an den Tag legt, aber dennoch die jungen Kerle zur Vernunft ruft, wann immer es angebracht ist. Zudem sei es unabdingbar, dass die Aufzucht in ihren Ausläufen unterschiedliche Bodenbeschaffenheiten aufweisen kann, zum Beispiel einmal Sand, dann Waldboden, dann wiederum Steine, immer gut auch gepflasterte Bereiche, damit sich die Hufe und die Gelenke der Jungspunde entsprechend perfekt entwickeln können. Aber wer will schon Perfektion – zumal: Man kann ja nicht immer alles haben!

Fohlenkoppel

Ich weiß nicht, ob ich einen solchen Aufzuchtplatz gefunden hätte, wenn ich länger und intensiver gesucht hätte. Er wäre sicherlich auch weiter weg gewesen, denn in meiner unmittelbaren Nähe war so etwas nicht zu finden. Um genau zu sein, war gar nichts dem auch nur annähernd Ähnliches in meiner Umgebung zu finden gewesen. Also hat sich das Ganze letztendlich so dargestellt: Es war weit weg. Es gab einen etwa gleichaltrigen Junghengst. Es gab einen „älteren“ Hengst. Und sie wurden robust gehalten. Es war also nicht nur so, dass sie im Sommer keinen Unterstand hatten (außer Bäumen, was ja teilweise durchaus auch als Unterstand durchgeht, aber leider nicht wirklich vor Fliegen und ähnlichen Belästigungen schützt). Der Unterstand im Winter war eigentlich auch nicht zu gebrauchen (dieser Bericht folgt dann irgendwann) und auch die Einzäunung war äußerst robust. Ich war allerdings hinterher mit dem Wissen gesegnet, dass mein Kurgestütler ziemlich zaunsicher war und ich mir keine Sorgen machen musste, dass der aus den von mir gebauten Zäunen jemals ausbrechen würde (auch zu dieser Geschichte kommen wir eines Tages hier auf diesem Blog noch). Ich ließ mich also vom kreativen Zaunbau vor Ort nicht weiter beirren und betrat die Junghengst-Koppel. Obwohl mir ja von Anfang bewusst war, dass ich mir mit Obi ein kleines Wildpferd zugelegt hatte, war ich doch etwas enttäuscht, dass er sich dann so gar nicht für mich interessierte. Ich hatte wohl in meinen Wendy-Wunschträumen einfach nicht daran gedacht, dass er sich überhaupt nicht nähern würde und ich mich auch nicht ihm nähern konnte, nachdem beim Abholen alles so erstaunlich gut geklappt hatte. Aber so wurde ich dann wenigstens auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Fotos konnten wir aber aus sicherer Entfernung von ihm machen.

Jährling

Wie man ein Wildpferd von A nach B bringt

Im Kurgestüt in der Box

Es war also alles klar. Der Traum sollte in Erfüllung gehen! Ich würde meinen Jährling abholen. Jährling hieß in diesem Fall ein 1-jähriger Kurgestütler, seines Zeichens Holsteiner-Haflinger-Mix. Hengst. Beim Gedanken an diese Anpaarung sehe ich schon einige mit den Augen rollen – aber ihr werdet überrascht sein, zu was es dieses kleine Kerlchen bisher gebracht hat! Nachdem ich also eine bescheidene Anzahlung für den Kleinen überwiesen hatte, durfte er noch zwei Wochen wie gewohnt in seiner Heimat bei seinen Kumpels bleiben. Nichts ahnend, was ihm am 01.08.2010 bevorstehen würde. Diese zwei-wöchige Aufbewahrungsfrist war für uns kostenfrei. Und so passte es wunderbar, dass das Jungpferd zum 1. des Monats umzog. Sicherlich kann man sich vorstellen wie aufgeregt man an so einem Tag ist, wenn man gar nicht genau weiß, was auf einen zukommt und man stellt sich natürlich ununterbrochen die Frage, ob alles gut gehen würde. Schließlich war der kleine Kurgestütler ja mehr oder weniger wild aufgewachsen. Erinnerte mich irgendwie an den wilden Westen und die Mustang-Herden. Und so kann man sich das auch in der Tat vorstellen. Als wir ankamen, wurde mein Babypferd von seiner Hengstherde getrennt und mit Hilfe eines erwachsenen Pferdes in den Stall gebracht. In meinen Augen ein ziemlich einschneidender Moment für so ein kleines Wildpferd – ihn selbst schien es aber wenig zu beeindrucken. Als er merkte, dass er den Kontakt zur Herde verlor, folgte er automatisch dem erwachsenen Pferd. Ebenfalls einfach sah es auch von Weitem aus, als er ein Halfter angezogen bekam. Anzumerken ist auf jeden Fall auch, dass die Verkäufer sehr genau wussten, was sie tun und man selbst zwar mit gutem Sicherheitsabstand wie gebannt zuschaute (vermutlich mit offener Kinnlade), aber Gefahr bestand meines Erachtens zu keiner Zeit.

Box im Kurgestüt

Erstaunlicherweise machte sich der kleine Obi in seiner Box direkt über das Heu her, schaute sich nicht um und wieherte auch nicht. Anschließend wurden wir instruiert: Zum Verladen musste der Hänger direkt an die Stalltür gefahren werden. Unser Hänger wurde dann zuallererst transportgerecht… umgebaut. Will heißen, Stangen wurden entfernt und die Trennwand ausgehängt und seitlich direkt an die Seitenwand des Hängers befestigt. Wäre man also entsprechend darauf vorbereitet gewesen, hätte man das Zeug am besten daheim ausgebaut und auch daheim gelassen. Sodann wurde der Hänger mit reichlich Stroh eingestreut. Heu und Hafer wurden als Wegzehrung im Hänger platziert.

Pferdehänger an der Stallgasse

Dann wurde es erneut spannend. Obis Boxentür wurde geöffnet. Er hatte zum ersten Mal im Leben ein Halfter an und es schien ihn keineswegs zu kümmern. Neugierig marschierte der Ponymann auf die Stallgasse. Sein Weg wurde seitlich durch Panels begrenzt und als hätte er das schon 100 Mal gemacht, im Schlaf mit geschlossenen Augen, betrat er den Hänger und machte sich sofort wieder über das Heu her. Dass die Klappe dann geschlossen wurde, quittierte er mit einem Ohrenwackeln. Selbstverständlich waren wir skeptisch, ob wir so ein Pferd transportieren können. Die Verkäufer machten uns jedoch Mut und so traten wir die Reise an. Heute würde ich sagen, dass es eventuell sicherer wäre, man würde sich ein sogenanntes Fohlengitter für den Hänger besorgen. Denn ganz ausgeschlossen ist es ja nicht, dass so ein Pferd über die Rampe rausspringt. Und das womöglich noch bei voller Fahrt auf der Autobahn. Obi für seinen Teil ließ uns Zeugen seiner Coolness werden. Die ganze Fahrt über war von dem Burschen nichts zu hören und nichts zu merken. Es war sogar so ruhig, dass wir uns zwischenzeitlich nicht sicher waren, ob er vielleicht doch getürmt war, also hielten wir irgendwann und riskierten einen Blick. Zum Vorschein kam ein junger Kurgestütler, der entgegengesetzt der Fahrtrichtung schräg im Hänger stand und uns mit großen Augen, aber ganz ruhig, anschaute. Wir setzten die Fahrt fort und so langsam dämmerte es mir, dass nun der große Moment kann: Wo wir heute bisher den ganzen Tag als Zaungäste beobachten konnten, was geschah, waren wir nun selbst an der Reihe, etwas zu tun. Ich war wirklich erschrocken, als wir feststellten, dass es keine Möglichkeit gab, „in“ die Fohlenkoppel zu fahren, sodass man Obi hätte gefahrlos und geduldig ausladen können. Wir mussten ihn ausladen und über eine Landstraße führen, um ihn in seine Koppel zu bringen. Und auch wenn sich Landstraße jetzt irgendwie nach popelig kleinem Kuhdorf anhört – da sind echt Autos gefahren! Und ich war mir nicht mal sicher, ob mein Babypferd so vertraut mit Autos war. Allerdings war ich guter Dinge, da ja offensichtlich die Fahrt nur eine Kleinigkeit für ihn war. Ich stieg dann also durch die Seitentür des Hängers ein und versuchte, so ruhig wie möglich zu bleiben. Leicht war das nicht, schließlich schossen mir tausend Gedanken durch den Kopf, was jetzt alles passieren könnte, wenn ich das Baby auch nur berühren wollte. Es war für mich eine Überraschung, dass er sich von mir ohne mit der Wimper zu zucken streichen ließ und ich den Strick an seinem Halfter befestigen konnte. Als sich dann die Verladerampe öffnete, war jedoch nicht mehr viel los. Wie angewurzelt blieb der Kurgestütler stehen. Wie kriegt man den jetzt da raus? Nach mehreren gescheiterten Versuchen, unsere verschiedenen Geistesblitze umzusetzen, stellte sich der Sachverhalt so dar, dass ich vorne am Halfter zog und mein Begleiter hinten am Ponypopo schob. Da alle schweißgebadet waren vor Aufregung (außer der Kurgestütler!) gibt es von diesem Moment leider kein Bild, was mich im Nachhinein sehr traurig macht. Obi traf dann sofort und ohne Umwege auf seine zwei neuen Kumpels, zwei junge Hengste, Marke Isländer. Das war die ruhigste Zusammenführung, die ich je erlebt habe. Selbstbewusst lief Obi auf die Beiden zu, sie beschnupperten sich, ein bisschen Gequieke und Gequietsche und nach ca. 5 Minuten standen alle 3 nebeneinander und grasten friedlich. Ob das wohl mit Obis guter Kinderstube vom Kurgestüt zusammenhängt!?

Isländer Jährlinge Hengste

Bauchgefühl

Schon früh war für mich klar – eines Tages wirst du ein eigenes Pferd haben! Zugegeben – hört sich kitschig an und mit Sicherheit beginnen einige Geschichten, wenn nicht sogar die allermeisten zum Thema „Abenteuer Pferd“, mehr oder weniger so. Aber mitunter sind das auch die besten Geschichten. Man kann dort viel erfahren über die Ziele einer Person, die möglicherweise zu hoch gesteckt wurden, ja sogar über die Persönlichkeit selbst und natürlich jedes Mal wieder über ein Abenteuer, das entweder funktioniert hat oder bei dem man kläglich gescheitert ist.
Hier erzähle ich euch die Geschichte von Obi Wan Kenobi und mir. Kennengelernt haben wir uns am 15.07.2010 auf einer Stutenmilchfarm. Nun wird man sich natürlich fragen, wieso man sich auf einer solchen Farm ein Pferd kauft. Selbstverständlich sollte sich jeder vor einem Pferdekauf überlegen, was er eigentlich will. Der Grund, weshalb ich dort ein Pferd gekauft habe, war das Pferd selbst! Ich hatte ihn gesehen und wusste, er war es:

Die Pferde leben dort ganzjährig im Herdenverband, die Fohlen kommen auch in der Herde zur Welt. So schön artgerecht für das Lauf- und Herdentier Pferd. Boxenhaltung ist hier ein Fremdwort. Der ausschlaggebende Grund für einen Besuch auf der Stutenmilchfarm war die Empfehlung von Freunden.

Natürlich haben wir versucht, bei der Auswahl ausschließlich professionell vorzugehen. Ich hatte zwei erfahrene Pferdeleute bei mir und die Verkäuferin selbst erzählte uns zu den interessanten Pferden Näheres. Und so wurde aus dem „Wir schauen da einfach mal unverbindlich vorbei“ und dem anschließenden „Ich schlaf auf jeden Fall noch ’ne Nacht drüber!“ ein Kaufvertrag. Zu diesem Zeitpunkt war ich mir allerdings nicht ganz im Klaren, was da so alles auf mich zukommen würde.