Schleifenpony

Month: März 2018

Was bitte ist eine Kardätsche oder die natürliche Angst vorm Unbekannten

Schräg eingeschaut zu werden, wenn man in der Öffentlichkeit von einer Kardätsche spricht, ist ja für uns Reiter ja sicherlich nichts Ungewöhnliches. Dürfte ja auch passieren bei Schabracke, Streichkappen oder Gebiss. Gamaschen hingegen sorgen jedoch kaum für Verwirrung, da können sich offenbar einige dann doch etwas darunter vorstellen. Von daher erscheint es auch nicht weit her geholt, dass der kleine Kurgestütler beim Anblick der Kardätsche nicht nur schräg geschaut hat, sondern auch gleich das Weite gesucht hat.

Jungpferd

Eigentlich hatte ich das Teil nur in der Hand, ganz beiläufig. Aber Obi ist ja schließlich äußerst aufmerksam, hat das gleich entdeckt und erst einmal entschieden, dass das besser von Weitem begutachtet werden sollte. Nicht dass man sich da am Ende noch mit Teufelszeug einlässt. Obwohl er ja meiner Meinung nach noch nichts Schlechtes erfahren hatte, war die Skepsis doch sehr groß. Ich konnte mich ihm nicht mehr nähern, er hielt den Abstand zu mir – oder besser gesagt zu der unheimlichen Bürste – konsequent ein.

Jährling

Ich erinnerte mich an alles, was mich der Kurgestütler bisher gelehrt hatte und mein Plan stand schnell fest. Ich würde einfach die Neugier des Pferdekindes nutzen. Zur Not mit Hilfe der anderen Pferdekinder. Das funktioniert einfach immer – und nachhaltig! Wenn sich das Pferd für dich entscheidet und zwar aus freien Stücken, wird es das wieder tun. So dauerte es nicht lange, bis ich die Aufmerksamkeit der Bande hatte und ihnen in Ruhe erzählen konnte, dass eine Kardätsche ihnen nichts Böses wollte.

Kardätsche

Damals beendete ich mein „Training“ bereits nach einem klitze-kleinen Erfolg. Dass sie sich mir näherten – also vor allem der Kurgestütler – obwohl ich das Schreckensding bei mir hatte, war für mich ein Erfolg. Und ich packte das Teil weg und entließ die Truppe wieder sozusagen in die Freiheit. Obwohl ich mir ja sicher bin, dass ich durch meine Besuche sicherlich nicht das Gegenteil von Freiheit vermittelte. So lernte Obi Schritt für Schritt ohne Angst mit der Zeit alles Wichtige kennen. Und betrachtet es heute als absolute Selbstverständlichkeit.

Fohlenkoppel

Der Hungerhaken und das Zisch-Geräusch

Das Zisch-Geräusch ist einigen auch bekannt als der unliebsame Schreckmoment, der durch Versprühen von zahlreichen Sprays, wahlweise Fellglanz- oder Fliegenspray, hervorgerufen wird. Ein Hungerhaken ist in diesem Fall ein kleines Pferdekind, bei dem man jede Rippe einzeln zählen kann. So fand ich dann mein kleines Pferdekind ca. 6 Wochen nach seiner Ankunft auf der Pferdeweide etwas – na ja, sagen wir mal – unschön vor.

Hungerhaken

Ein dicker Bauch, aber sichtbare Rippen lassen im Pferdekenner ja zuerst einmal den Verdacht auf Wurmbefall keimen. Sicherlich auch nicht unüblich, wenn man sich nochmals vor dem inneren Auge verdeutlicht, dass der Kurgestütler ja völlig ungeimpft und unentwurmt und unerzogen seinen Umzug angetreten hat. Selbst wenn dies nicht der Fall gewesen wäre (was sich jetzt im Nachhinein nach 8 Jahren nur noch schwer beweisen lässt), sagt man natürlich nach wie vor, dass es für Jungpferde selbstverständlich keinesfalls von Vorteil ist, zu fett gefüttert zu werden. Schließlich belastet das den Bewegungsapparat, das noch nicht gereifte Skelett. Mein Pony hatte außerdem auch alle Zeit der Welt zum Wachsen. Er sollte gar nicht aufgefüttert werden, um muskulös und damit „fertig“ zu erscheinen. Mein Ziel war es einfach nur, dass er zufrieden und gesund aufwachsen kann. Deshalb gibt es hier sicherlich noch das ein oder andere Bild vom Hungerhaken Obi zu entdecken.

Jaehrling

Was natürlich nicht nur für den Hungerhaken, sondern auch für seine Weidegenossen ziemlich lästig war in dieser Zeit, waren die Fliegen. Überraschenderweise sind die sogar sehr gut auf den Fotos zu erkennen. Die Kleinen waren seinerzeit schon ziemlich geplagt. Also stand mein Entschluss fest, probeweise ein Fliegenspray in die Kinderstube mitzubringen. Da ich mich ja jetzt selbst nicht als Dummerchen bezeichnen möchte, gebe ich an dieser Stelle bekannt, dass ich mir zu keiner Sekunde – auch damals in meinem jugendlichen Leichtsinn nicht – erhoffte, dass das Fliegenspray auch nur irgendetwas gegen die Fliegenbelastung bringen würde. Es ging mir einfach ums Prinzip. Ich wollte, dass das Pferdekind was lernt, ohne zu wissen, dass es gerade was lernt. Im Nachhinein kann ich bestätigen, dass das teilweise eine sehr gute Methode war, meinem Pferdekind die Angst vor unbekannten Dingen zu nehmen und zwar ganz ohne Druck und Zwang. Und so hatte ich auch mit dem Fliegenspray ein nachhaltiges Ergebnis erzielt: Es stört den Kurgestütler bis heute nicht, wenn das Fliegen- oder Fellglanzspray oder sonst irgendein Spray zischt.

Fliegenspray

Interessant war natürlich, dass wir das Fliegenspray zuerst nicht auf die Pferde sprühten. Nein – wir sprühten es einfach in der Gegend herum und amüsierten uns prächtig! Was man damit erreicht? Die Neugier der Pferdekinder war geweckt. Sie beobachteten uns sehr genau. Als ich ihnen dann das Fläschchen von Nahem zeigte, waren alle völlig unbeeindruckt. So war es dann auch kein Wunder mehr, als sich ebenfalls keiner regte, als ich sie direkt damit ansprühte. Es gab für sie einfach keinen Grund für Angst oder gar Panik.

Fliegenplage

So hatte ich an diesem Tag nach meinem Besuch das Gefühl, dass ich wirklich ein ganz cooles Pferdekind hatte. Es hatte ja noch keiner irgendetwas mit ihm gemacht. Meine ersten Besuche bestanden einzig und allein in der Kontaktaufnahme. Dass er nach so kurzer Zeit bereits zutraulich wurde und sich neuen Dingen mit Neugier zuwandte, machte mich unglaublich stolz. Die Frage ist nur, ob dies auch in Zukunft (in diesem Fall in der Vergangenheit) so geblieben ist. Ich werde berichten.

Jungpferde